Ende 2010 haben einige Herausgeber (meiner Kenntnis AirPlus, Targobank und DKB) von Kreditkarten begonnen, ihre EMV Chips auf der Kreditkarte so zu personalisieren, daß sie auch an der Kasse die PIN Eingabe statt der Unterschrift erforderten. Wieder einmal herrschte große Konfusion im Handel, Kassenpersonal und Hotlines trafen die abenteuerlichsten Aussagen.
Um etwas grundsätzliches dazu zu sagen, wie beim EMV System festgelegt wird, ob der Kunde die PIN eingeben muß oder unterschreiben: Das bestimmt der Kartenherausgeber. Und zwar nur er, also so Aussagen wie "Wegen einer neuen EU Richtlinie werden jetzt auch bei Kreditkartenzahlungen die PIN verlangt" und was mir so an Schildern bei Händlern zugetragen wurde, ist totaler Unsinn!
Sowohl die Karte als auch das Terminal tragen eine sogenannte CVM Liste (Cardholder Verification Method) mit Prioritäten. Wenn also die EMV Karte in ein EMV Terminal gesteckt wird, "unterhalten" die beiden sich kurz und schauen, auf welche Methode für die Freigabe der geplanten Zahlung sie sich einigen können.
"Sendung mit der Maus" mäßig würde dieser Dialog dann z.B. so aussehen:
Karte zum Terminal: Good morning, ich bin eine englische Visa Kreditkarte,
international einsetzbar und ich wickle Zahlungen am liebsten mit PIN Eingabe
ab, notfalls machs ich aber auch im Handel mit Unterschrift"
Terminal zur Karte: "Tagchen, ich bin ein deutsches POS Terminal,
akzeptiere Visa, aber habe leider keine PIN Tastatur, aber einen Drucker
habe ich."
Worauf die Karte sich dann damit einverstanden erklärt, die Transaktion
halt ausnahmsweise mit Unterschrift abzuwickeln.
Terminal zur Karte: "Bonjour, ich bin ein französischer Tankautomat
und bei mir gibt es Sprit auf Kreditkarte nur mit PIN Eingabe"
Karte zum Terminal: "Wie blöd, ich kann im Handel nur mit
Unterschrift arbeiten, so ist das Standard bei uns in Deutschland."
Terminal zur Karte: "Wie soll ich denn als Automat eine Unterschrift
prüfen? Du kriegst hier keinen Sprit."
Anders gesagt: Die CVM Liste der Karte wird von Priorität 1 bis n
abgearbeitet und die höchstmögliche Übereinstimmung mit dem,
was das Terminal auch unterstützt, bestimmt die Abwicklung der Zahlung.
Hat also ein Terminal sowohl eine PIN Tastatur als auch einen Drucker, kann
die Karte A mit PIN abgewickelt werden (wenn der Herausgeber das im Chip
an die erste Stelle gesetzt hat), Karte B aber mit Unterschrift (wenn Herausgeber
B die Unterschrift als präferierte Methode gesetzt hat).
Gängige Kartenpersonalisierungen in Deutschland sind:
oder bei einigen neuen Karten (PIN bevorzugend)
oder Unterschrift an der Kasse, aber PIN an zB Tankautomaten
"Keine Prüfung" heißt hier, daß lediglich die Echtheit der Karte geprüft wird, nicht aber die Anwesenheit des berechtigten Karteninhabers, so zB an Automaten.
Wichtig: Es liegt am Herausgeber, wie sich die Karte verhält, nicht am Terminal.
Zu Mißverständnissen führt das gerne zB bei Reisen nach
Großbritannien. Dort wurde im Februar 2006 mit
großem
Kommunikationsaufwand die Abwicklung aller innerbritischen Transaktionen
auf Chip und PIN umgestellt. So kommt, es, daß auch deutsche Karteninhaber
denken, sie brauchen in UK zwingend eine Karte mit PIN-Unterstützung
im Handel oder britische Händler fragen den Kunden schon vor Einstecken
der Karte, ob er seine PIN weiß. Aus eigener Erfahrung kann ich versichern,
daß auch Unterschriftstransaktionen weiter problemlos funktionieren,
wenn das Gerät einen Drucker hat (manche Automaten wie zB in der Londoner
Underground lassen auch Chiptransaktionen ohne PIN und ohne Unterschrift
zu).
Dann gibt es noch Länder, in denen sich die Terminals nicht EMV-konform
verhalten, sondern pauschal immer erstmal nach der PIN fragen. Häufig
liegt das daran, daß dort die nationalen Karten auch mit PIN funktionieren
und man nichts anderes erwartet. Hier kann die PIN Abfrage oft durch
Drücken der Eingabetaste übersprungen werden (bekannt aus
Dänemark, Australien, Schweden), es soll aber auch Länder geben,
wo die Terminals auf der PIN beharren, selbst wenn die Karte klargemacht
hat, daß sie diese gar nicht unterstützt (Berichte aus Russland).
Hier empfiehlt sich dann ein alternatives Zahlungsmittel als Backup in der
Geldbörse.
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(c) 2011 Christian Bartsch